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Wettlauf gegen die Zeit: Schmelzende Alpengletscher bedrohen Klimaarchive im Eis

13.3.2026

Ein internationales Forschungsteam – unter Mitwirkung von Prof. Dr. Werner Aeschbach und Dr. David Wachs vom Institut für Umweltphysik sowie Prof. Dr. Markus Oberthaler vom Kirchhoff-Institut für Physik – hat in einem Gletscher der Ötztaler Alpen einen einzigartigen Klima- und Umweltdatensatz entdeckt. Doch dieser ist akut bedroht: Forschende warnen, dass schmelzende Alpengletscher wichtige Archive der Erdgeschichte zerstören könnten, bevor sie vollständig untersucht sind.

Im Mittelpunkt der Studie steht der Weißseespitze-Gletscher an der Grenze zwischen Österreich und Italien. Ein knapp zehn Meter langer Eiskern, der dort bis zum Gletscherbett gebohrt wurde, enthält eine nahezu zweitausendjährige Aufzeichnung atmosphärischer Veränderungen. Durch die Analyse von Spurenelementen, Mikro-Holzkohle sowie chemischen Verbindungen aus Holzverbrennung konnten Forschende rekonstruieren, wie sich Luftverschmutzung, Waldbrände und vulkanische Ereignisse über Jahrhunderte hinweg verändert haben.

Eiskerne aus Hochgebirgsgletschern funktionieren wie ein natürliches Archiv der Atmosphäre. Schneefall lagert Jahr für Jahr Partikel aus der Luft ab, die anschließend im Eis konserviert werden. Durch moderne Isotopen- und Elementanalysen lassen sich daraus Umweltbedingungen vergangener Jahrhunderte rekonstruieren.

„Diese bemerkenswerten Klimaarchive funktionieren ähnlich wie ein Geschichtsbuch: Frühere atmosphärische Bedingungen und Umweltveränderungen sind in ihren Schichten aufgezeichnet“, sagte Dr. Azzurra Spagnesi von der Universität Ca’ Foscari in Venedig, Erstautorin des Artikels in Frontiers in Earth Science. „Alpine Gletscher bieten eine einzigartige Möglichkeit, den entscheidenden Übergang zwischen vorindustrieller und industrieller Zeit zu untersuchen, da sie sich in unmittelbarer Nähe menschlicher Siedlungen befinden.“

Die untersuchten Eisschichten reichen von etwa 349 v. Chr. bis ins 17. Jahrhundert. Besonders auffällig ist eine Phase erhöhter Metallkonzentrationen zwischen 950 und 1280 n. Chr., die mit intensiver mittelalterlicher Bergbau- und Hüttenaktivität in den Alpen zusammenfällt. Gleichzeitig fanden die Forschenden erhöhte Konzentrationen von Mikro-Holzkohle, die auf häufigere und stärkere Brände hinweisen – möglicherweise begünstigt durch eine lange Trockenperiode zwischen etwa 950 und 1040 n. Chr.

Neben menschlichen Aktivitäten hinterließen auch Vulkanausbrüche, Staubtransport und klimatische Schwankungen deutliche Spuren im Eis.

Doch diese wertvollen Archive sind akut gefährdet. Als das Team die Bohrstelle erneut untersuchte, zeigte sich, dass der Gletscher inzwischen deutlich geschrumpft ist: Statt rund 9,5 Metern Eisdicke waren 2025 nur noch etwa 5,5 Meter vorhanden.

Die Forschenden warnen daher, dass ein Wettlauf mit der Zeit begonnen hat. Wenn die Alpengletscher weiter schmelzen, könnten einzigartige Klimaaufzeichnungen unwiederbringlich verloren gehen.

„Wenn Gletscher verschwinden, verlieren wir auch die chemischen und physikalischen Informationen, die sie über vergangene Klimabedingungen speichern“, betonen die Forschenden. „Der Schutz dieser Gletscher bedeutet auch, das Gedächtnis unseres Klimas zu bewahren.“

 

Reference:
Spagnesi A. et al. (2026) New chemical signatures from Weißseespitze ice cores (Eastern Alps): pre-industrial pollution traces from Roman Empire to early modern period. Front. Earth Sci. 14:1680019

Photo credit: Norbert Span